5 Fragen an Tamara Kaes: Wie Unternehmen jetzt den aktuellen Herausforderungen begegnen können

9.9.2022

von

Johanna Bartels, Con Cubo

Tamara Kaes ist Restrukturierungsberaterin für Mittelständler und Traditionsunternehmen. Als erfahrene CFO, CRO und Wirtschaftsprüferin unterstützt sie seit 2018 Kunden mit ihrer Restrukturierungsberatung Kaes und Kollegen.

Wir haben mit ihr über ihren Alltag als Restrukturierungsberaterin, die Herausforderungen, vor denen Unternehmen aktuell stehen und wie sie diesen erfolgreich begegnen können, gesprochen.

1. Was ist eigentlich Restrukturierung und wie sieht der Alltag einer Restrukturierungsberaterin aus?

In der Restrukturierung oder genauer Restrukturierung und Sanierung geht es darum, Unternehmen zu unterstützen, die in eine herausfordernde Situation gekommen sind. Es kann beispielsweise sein, dass ein Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert, keine Nachfolge da ist oder äußere Umstände wie Energiekosten zu erheblichen Ergebniseinbrüchen führen.  Hauptsächlich geht es zusammengefasst um Situationen, in denen dem Unternehmen irgendwann das Geld ausgeht oder Geld droht auszubleiben.

In der Restrukturierung werden dann strukturelle Veränderungen und Neuausrichtungen, operative Anpassungen, vorgenommen und das Unternehmen wird finanziell stabilisiert.

In meinem Alltag geht es darum, das Unternehmen dahingehend zu beraten, wie es aus dieser Situation herauskommen kann und positive Zukunftsaussichten bekommt. Dafür gucken wir uns zunächst die IST-Situation an, sichten Unterlagen und analysieren, wo die Sorgen und Probleme des Unternehmens liegen – und zwar die echten, es reicht es nicht, nur an der Oberfläche zu kratzen. Wir gehen dabei wirklich auf Ursachenforschung. Auf Basis dieser Analyse definieren wir Maßnahmen, die wir detailliert planen, finanziell abbilden und gemeinsam mit dem Unternehmen umsetzen.

Wesentliche Aufgabe ist im gesamten Prozess das Austarieren der verschiedenen Interessen – von Finanzierern, Unternehmenseignern, Mitarbeitenden, Lieferanten etc., damit sich eine langfristige, zukunftsfähige Lösung für alle Beteiligten ergibt.

2. Was sind die drei größten Herausforderungen, vor denen der deutsche Mittelstand aktuell steht?

Ein Thema, was sicherlich nicht nur den Mittelstand sondern alle Unternehmen betrifft: Arbeitskraft wird Mangelware. Die Kompetenz, die Unternehmen brauchen, wird zu einem knappen Gut. Neu ist für viele Unternehmen, dass sie sich für die Mitarbeitenden auch auf andere Weise als durch hohe Gehälter attraktiv machen müssen.

Die zweite große Herausforderung, auf die sich Unternehmen einstellen müssen, sind die immer häufiger und mehr werdenden "schwarzen Schwäne", eigentlich sind es ja gar keine mehr. Einschlagende Ereignisse, die ein Unternehmen nur bedingt planen kann – die Corona-Pandemie, der Krieg in der Ukraine, Inflation, Energiekrise,…

Für diese einschlagenden Ereignisse müssen Unternehmen Resilienz entwickeln und lernen, damit umzugehen.

Die dritte Herausforderung gerade für den Mittelstand ist das Thema Nachfolge. Es ist äußerst schwierig geworden, Nachfolger zu finden, es ist niemand da oder zumindest niemand, der ein Unternehmen zu adäquaten Konditionen übernehmen will. Die früher übliche Weitergabe in der Familie funktioniert häufig nicht mehr, auch weil die Nachfolgegeneration lieber selbst gründen will.

So gesehen brauchen gerade die ersten beiden Herausforderungen – Mangel an Arbeitskräften und Aufbau von Resilienz - eine Kernkompetenz des Mittelstands. Denn der Mittelstand ist tatsächlich viel beweglicher als große Unternehmen.

Die Flexibilität, die es heute braucht, ist eine große Stärke des Mittelstands. Diese Stärke kann ein Alleinstellungsmerkmal auch gegenüber Mitarbeitenden sein, die Unternehmen müssen nur häufig erst wieder lernen, dieses Potential auszuspielen und zu nutzen.

3. Was kann der Mittelstand von Startups lernen?

Auch wenn das Wort so abgegriffen ist, aber was der Mittelstand auf jeden Fall von Startups lernen kann, ist Agilität. Agilität als Basis, um Resilienz aufzubauen, und die Bereitschaft, sich flexibel und agil immer wieder zu verändern, da kann der Mittelstand viel von Startups lernen.

Andersherum können auch Startups viel vom Mittelstand lernen, insbesondere wenn es darum geht, wie man ein Unternehmen langfristig führt, wenn es nicht mehr darum geht, sich ständig neu zu erfinden, sondern nachhaltig ein stabiles Unternehmen aufzubauen.

Insgesamt liegt in dieser Kombination aus Startups und Mittelstand, die es ja schon gibt, eine enorme Kraft.

Häufig ist der Erstkontakt zunächst technologisch getrieben, weil ein Mittelständler die Technologie eines Startups nutzt oder adaptiert. In der Zusammenarbeit lernen aber beide Seiten auch neue Arbeitsweisen kennen, die sie vielleicht ebenfalls adaptieren können. Das hat ein riesiges Potential und sollte noch viel mehr gefördert und vorangetrieben werden.

4. Was tun, wenn eine veraltete Tool-Landschaft der Restrukturierung im Weg steht? Wie überzeugst du die Zweifler?

Eine veraltete Tool-Landschaft kann ein ausufernder Zeitfresser sein, auch in der Restrukturierung selbst.

Wenn ich schon in der Analyse unvollständige Daten bekomme oder Daten, die nicht übereinstimmen, weil Systeme nicht integriert sind, entsteht ein nahezu unendlicher Abstimmungsbedarf, in dem schlimmstenfalls die tatsächlichen Probleme gar nicht sichtbar werden.

Dazu kommt, dass in der Umsetzung das Maßnahmen-Monitoring massiv erschwert wird, wenn Berichte unvollständig oder sogar falsch sind.

Ich denke, wir sollten unterscheiden, ob beispielsweise aus Sicherheitsgründen ein Tool-Wechsel angezeigt ist, oder aus Kosten- bzw. Effizienzgründen. Im ersten Fall ist Geschäftsführung und Eignerkreis üblicherweise bereits durch die Tatsache des Sicherheitsrisikos überzeugt. Bei Tools die Effizienz- oder Effektivitätsverbesserungen in die Arbeitsabläufe bringen, überzeugen am Ende Zahlen, Daten, Fakten, die belegen, dass ein neues System beispielsweise weniger Fehler birgt, schnellere Ergebnisse ermöglicht, die richtige Kalkulationsbasis bereithält.

In beiden Fällen können technische Zweifel aus der Fachabteilung die Umstellung jedoch erheblich bremsen. Hierfür brauche ich wiederum Unterstützung von Spezialisten aus meinem Netzwerk. Genauer gesagt, wenn es darum geht, die Argumente fachlich und sachlich zu überprüfen. Hier hole ich mir dann Experten dazu, die helfen, schnell eine passende Lösung zu finden, denn für manchen Zweifel ist in der Restrukturierung auch einfach keine Zeit.

5. Was sind deine drei wichtigsten Learnings aus deiner bisherigen beruflichen Laufbahn, welche Erfolgsfaktoren siehst du für zukunftsfähig aufgestellte Mittelständler?

Das sind ja eigentlich zwei Fragen, die ich auch getrennt beantworten würde.

Zunächst zu den Erfolgsfaktoren, was ich gesehen habe, worauf Unternehmen aus dem Mittelstand achten sollten:

  1. Nah an Kunden, Lieferanten und Mitarbeitenden sein. Das bedeutet für mich, Impulse aufzunehmen und nicht nur inkrementell am Produkt zu arbeiten, sondern zuzuhören, was diese Kunden, Lieferanten und Mitarbeitenden erwarten, was sie zu sagen haben. Das nimmt auch der Kunde wahr – und Mitarbeitende sowieso.
  2. Die langfristige Orientierung im Mittelstand - die berühmte Enkelfähigkeit - zu erhalten. Dafür gilt es eben, Resilienz aufzubauen, um auch in einem sich ständig veränderten Umfeld bestehen zu können.
  3. Bei aller Stabilität und Sicherheitsbestreben durchlässige Strukturen schaffen, auch mal den Mut haben, alte Zöpfe abzuschneiden, etwas zu wagen, auch mal andere Personen machen zu lassen, die sonst vielleicht nicht in der ersten Reihe stehen.

Und zu meinen persönlichen Learnings, quasi meinen Karrieretipps, an die ich mich selbst auch immer wieder erinnere:

1. Steh zu dem, was du denkst und zu deinen Überzeugungen
…aber hör auch mal anderen zu, sie könnten Recht haben.

Beides sind für mich extrem wichtige Punkte, für seine Überzeugung und die eigene Kompetenz selbstbewusst einzustehen, aber gleichzeitig Feedback zuzulassen und anzunehmen. Das hilft mir in Situationen, in denen ich vielleicht in der „Hammer-auf-den-Kopf“-Vorgehensweise agieren würde, ein Thema doch eher strategisch anzugehen.

2. Nimm Veränderungen und neue Situationen positiv auf.

Bei immer neuen Aufträgen, Veränderungen und Dingen kann ich ständig Neues lernen und für mich mitnehmen. Ich glaube, genau deswegen mag ich diesen Beruf so gerne. Jede neue Herausforderung birgt die Chance, mich weiterzuentwickeln.

Vielen Dank, Tamara Kaes!

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